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Lewycka, Marina: Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch
dtv, 2006, 1. Aufl., 3-423-24557-9, Kt.,
359 S., € 14,00. inkl. gesetzl. MwSt.
Am Telefon offenbart der 84jährige Nikolai seiner Tochter Nadja, dass er wieder heiraten will: die 36jährige Valentina, eine blonde berückende Frau aus der Ukraine mit wunderschönen Augen und einem Busen a la Botticelli. Vor vielen Jahren ist er mit seiner Familie selbst aus der Ukraine ins englische Sheffield gekommen. Seine Frau ist vor zwei Jahren gestorben und nun befindet er sich in einem verspäteten Frühling. Doch seine Heiratspläne lösen eine Familienkrise aus.
Nikolais Töchter Nadja und Vera, die seit Jahren miteinander kein Wort mehr gewechselt haben, werden plötzlich Verbündete gegen die üppige Botticelli-Blondine. Sie sind der festen Überzeugung, dass diese es nur auf Pass, Arbeitserlaubnis, Vaters kleine Rente und ein sorgenloses Leben im goldenen Westen abgesehen hat. Daher nutzen die Töchter eine kurze Rückkehr von Valentina in die Heimat, um anonym die Einwanderungsbehörde einzuschalten. Selbst vor einem Anruf beim Standesamt schrecken die beiden nicht zurück.
Nebenbei schreibt der alte Nikolai eine „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“, in der er die Industrialisierung in der Landwirtschaft und die Unterdrückung der Ukraine durch Stalinismus und Nationalsozialismus schildert. Trotz dieser geistigen Ablenkung lässt er aber von seinem Traumweib nicht locker und heiratet seine Valentina im cremefarbenen Kunstseide-Brautkleid, natürlich mit entsprechendem Dekollete für einen Blick auf die Fleischeslust.
Das Täubchen entpuppt sich jedoch bald als Hausdrachen, der den alten Hagestolz sogar in seinem Zimmer einsperrt, wo er vor Angst in die Hosen macht. Schließlich überschlagen sich die Ereignisse, als der Ex-Mann aus der Ukraine auftaucht und Valentina plötzlich schwanger ist. Nur soviel sei verraten: am Ende siegt wie immer die Familie.
Nach zahlreichen literarischen Versuchen, die meist im Papierkorb landeten, ist die „Traktor-Geschichte“ der erste Roman der 60jährigen Autorin. Und der „allerletzte Versuch“ wurde zu einem Riesenerfolg, für den sie mehrere Preise erhielt und für den Übersetzungsrechte in 24 Ländern verkauft wurden.
Zugegeben, das Thema: liebestoller Alter nimmt sich mollige Junge, ist nicht neu, doch Marina Lewycka hat die Geschichte mit soviel Witz und Charme erzählt, dass der Leser immer wieder etwas Neues an diesem scheinbar uralten Thema entdeckt. Ein untrügerisches Ohr für Dialoge und eine sichere Hand bei der Zeichnung der Figuren zeichnen diesen Roman aus, aber auch eine Leichtigkeit, bei der jede Pointe passt und jedes Detail sitzt.
Manfred Orlick
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