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Kehlmann, Daniel: Ich und Kaminski
Suhrkamp, 2003, 3. Aufl., 3-518-41395-3, geb.,
176 S., € 18,90. inkl. gesetzl. MwSt.
Was fängt ein ehrgeiziger junger Kunstkritiker an, der sich in chronischer Geldnot befindet und für einen Erfolg notfalls über Leichen gehen würde? Er schwingt sich flugs zum Biografen auf. Und so findet sich Sebastian Zöllner unversehens im Haus des fast vergessenen und blinden Malers Kaminski wieder. Leider geben sich der alte Mann und seine Tochter nicht gerade mitteilsam; und so schnüffelt Zöllner hemmungslos in den Privatpapieren des Künstlers herum. Als ihm der Zufall zu einem Alleinsein mit Kaminski verhilft, ergreift der ungeduldige Biograf die Gelegenheit und begibt sich mit dem alternden Maler, der noch einmal seine tot geglaubte Jugendfreundin sehen will, auf eine Reise, die beide verändern wird...
Den neugierigen Leser wird eines beruhigen: „Ich und Kaminski“ ist ein sehr unterhaltsam geschriebenes Buch. Der Autor Daniel Kehlmann versteht es - und das im Verlauf der Handlung immer mehr - einen herrlich ironischen, spöttischen und zum Teil sogar bitteren Ton zu etablieren, der auch etwaige inhaltliche Schwächen übertüncht. Das gipfelt in knappen zynischen (Selbst)-Betrachtungen, in denen Kehlmann ein feines Verständnis für unschöne Mechanismen im gegenseitigen Miteinander offenbart. Allein das Vergnügen an solchen stilistischen Hochleistungen rechtfertigt die Lektüre dieses Romans.
Jedoch gilt es, die vorliegende Erzählung differenzierter zu betrachten; ein Blick auf die beiden Hauptfiguren bietet einige Ansätze zur, positiven wie negativen Kritik. Da ist zum einen der Egoist par excellence Zöllner, dessen Darstellung ausschließlich Reizpunkte bietet. Sehr eindimensional gezeichnet, präsentiert sich der junge Kritiker als Opportunist mit wenig Skrupeln, als dreister Parasit, dem Sympathien entgegenzubringen der Autor selbst konsequent entgegen- und doch wieder zuarbeitet. Seine Gestalt wird dank der Erzählung in Ich-Form deutlich ausgeleuchtet und bleibt doch auf eine eigentümliche Weise blass, denn dem Leser werden fast alle Informationen über seine Geschichte, seinen Hintergrund vorenthalten. Kurz gefasst, er erscheint als Ekel ohne Abstriche und bietet deshalb wenig persönliche Angriffsfläche. Sein Widerpart, der Maler Kaminski, wird noch weniger konturiert. Ihn entdeckt man im Laufe der Geschichte immer ein wenig mehr und meint doch nicht, ihn besser zu kennen. Beide Figuren verharren weitgehend in den vorgegebenen Erwartungsspielräumen, und doch bleiben sie frisch und interessant.
Mehr noch als die Protagonisten steht die Handlung auf dem Prüfstand. Da mutet manches bekannt an; die kurzzeitige Symbiose zweier Männer, die desillusioniert mit- und gegeneinander handeln, das Motiv des gemeinsamen einsamen Weges „on the road“, die vollendende, auflösende Fahrt ans Meer. Leicht hätte dieser Kahn die Klippen des Kitsches rammen können, doch der Autor schafft es, sich zurückzuhalten und stereotype Reaktionsmuster weitgehend zu vermeiden oder zumindest zu kaschieren. Alles wankt bedenklich, aber es fällt nicht- die Lehren werden ohne Zusammenbrüche gezogen.
Insgesamt bleibt zu vermerken, dass über dieses Buch noch viel gesagt, analysiert, interpretiert werden könnte. Ohne Zweifel ist es intelligent geschrieben, geizt nicht mit zynischen Seitenhieben und bewahrt größtenteils den interessanten, knappen, fast unwilligen Stil. Der Balanceakt zwischen tiefgründiger Entlarvung und amüsantem Geplänkel gelingt überwiegend, heraus kommt ein empfehlenswerter Roman.
M. Holtmann
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