Rezensionen
- Wissenschaftliche Literatur
Rezensionsdienst
|
|
Canetti, Elias: Party im Blitz - Die englischen Jahre
Hanser, 2003, 1. Aufl., 3-446-20350-8, geb.,
240 S., € 17,90. inkl. gesetzl. MwSt.
Der 1994 verstorbene Elias Canetti hat mit den Bänden „Die gerettete Zunge“, „Die Fackel im Ohr“und „Das Augenspiel“ eine faszinierende Autobiographie seiner ersten 32 Lebensjahre (1905 – 1937) vorgelegt. Nun ist bei Hanser unter dem Titel „Party im Blitz – Die englischen Jahre“ ein Band erschienen, der Skizzen Canettis enthält, die möglicherweise zu einem geplanten vierten Band dieser Autobiographie gehören. Jedenfalls der zeitliche Rahmen – die Skizzen beginnen 1938 – stützt diese Annahme.
Es irritiert daher, wenn der Klappentext das Buch als „unverblümten Text über seine Jahre in England, den sich Canetti nicht zu veröffentlichen traute“ bezeichnet – das Buch war schlichtweg noch nicht fertig, was auch nicht zu übersehen ist. Weitgehend fertiggestellte Abschnitte, die Canetti auch sprachlich bis auf letzte Glättungen bereits nahe an eine Endfassung herangebracht hat, wechseln sich ab mit skizzenartigen Bemerkungen zu einzelnen, aus dem Zusammenhang gegriffenen Situationen oder Personen, die dem deutschen Leser zudem zum größeren Teil nicht geläufig sein dürften. Das Buch wurde überdies aus drei verschiedenen Textkomplexen Canettis aus den Jahren 1990 bis 1993 zusammengestellt, die in eine lesbare Abfolge gebracht wurden, was nicht immer widerspruchsfrei möglich war, so dass der Text zum Teil verworren wirkt.
Schließlich kommen bei der Lektüre Zweifel auf, ob es sich bei den Skizzen tatsächlich um Vorarbeiten zu einer Fortsetzung der Autobiografie handelt, denn es fehlt diesen Skizzen an der autobiografischen Zuspitzung. Die Person des Autors bleibt vielfach außen vor. Wir lernen Canettis Londoner Freunde (so es solche gab) und das englische Gesellschaftsleben kennen, das Canetti als ausgesprochen distanziert und gefühlskalt beschreibt. Es ist von „Vertrocknungen“ und einem „Leben als gesteuerte Mumie“ die Rede. Außerdem stellt das Buch oftmals Bezüge zum England der siebziger und achtziger Jahre her, besonders zu Thatcher, offenbar eine von Canettis (zahlreichen) Hassfiguren. Nach der Thatcher-Herrschaft seien Britanniens „beste Institutionen“ erschüttert, „die das Vorbild der Welt waren“, „aus sich selbst geht dieses Land zugrunde“.
Wer also den vierten Band von Canettis Autobiografie erwartet oder einen Canetti-Text, der die Faszination und Brillanz anderer Canetti-Texte aufweist, wird von dem Buch jedenfalls über weite Strecken hin enttäuscht sein. Das Buch nimmt den Leser nicht gefangen. Immer dann, wenn sich ein gewisses Wohlbehagen beim Rezensenten eingestellt hatte, wurde er wieder aus dem Text geworfen. Es fehlt zumeist an der subtilen Sprache, den feinen Beobachtungen und überraschenden Schlußfolgerungen, die wir von Canetti kennen.
Trotzdem ist das Buch jedenfalls für alle „Canetti-Fans“ wichtig und lesenswert. Sie erleben Canetti in den Jahren, in denen sein wichtiges Werk „Masse und Macht“ Gestalt annimmt. Sie lernen einen Text Canettis auf einer Entwicklungsstufe kennen, in der die Selbststilisierung Canettis noch nicht zur Perfektion gelangt ist. Und in der Canettis Gefühle – etwa ein geradezu unbändiger Englandhass, weil die Engländer ihn nicht anerkannt hätten – noch nicht geglättet und veredelt sind, sondern ungehemmt hervorbrechen. Gleiches gilt übrigens für die Affäre Canettis mit Iris Murdoch, die für Canetti eine traumatische Erfahrung gewesen sein muss. Schließlich wird dem Leser auch unkaschiert Canettis immense Eitelkeit und Eifersucht auf den Erfolg von Kollegen vor Augen geführt. Es berührt zum Teil fast peinlich, welche Charakterzüge Canettis hier hervortreten, die er in anderen Texten hinter der Fassade seiner Selbststilisierung oft so kunstvoll verbergen konnte. Vielleicht hätte man Canetti die Veröffentlichung dieses unvollendeten Alterswerks ersparen sollen. Dem Canetti-Leser jedoch nicht.
M. Loehnig
|
Über diese Seite gelangen Sie zu allen rezensierten Titeln.
Suche über den Autor:
Suche nach Titeln:
© : Das Nutzungsrecht der veröffentlichten Texte liegt, wenn nicht anders gekennzeichnet,
bei Stefanie Brink, das der Abbildungen bei den jeweils veröffentlichenden Verlagen.
Ist bei einem Buch der Preis mit 0,00 € angegeben, so bedeutet dies, dass der Titel vergriffen ist.
hier bestellen
|