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Zeiß-Horbach, Auguste: Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus
Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2008, 1. Aufl., 978-3-374-02604-3, Pb.,
464 S., € 44,00. inkl. gesetzl. MwSt.
Mit ihrer theologischen Dissertation liefert Auguste Zeiß- Horbach die erste umfangreiche Gesamtdarstellung zur Geschichte des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus (VAA) und füllt damit eine eklatante Lücke in der Antisemitismusforschung und der deutsch- jüdischen Geschichte.
Die Forschungsleistung der Autorin ist umso bemerkenswerter, als die Quellenlage zu diesem Thema recht schwierig ist. Das Vereinsarchiv fiel 1933 in die Hände der Gestapo und ist seitdem verschollen. Die Ortsgruppen haben, wohl aufgrund organisatorischer Defizite, nur wenige Dokumente ihrer Tätigkeit hinterlassen. So stützt sich Zeiß- Horbach vor allem auf den Nachlass des langjährigen Vorsitzenden Georg Gothein, private Korrespondenz der Mitglieder, Zeitungen, Polizeiakten und Personalakten staatlicher und kirchlicher Behörden. Obwohl die Autorin zugesteht, dass aufgrund der Quellenlage manche Details ungeklärt bleiben müssen, gelingt ihr ein aufschlussreicher Überblick über die Vereinsgeschichte und über die Werthaltungen seiner prominenten Mitglieder.
Von besonderer Relevanz sind die ausführlichen Kapitel zu den Werthaltungen (S. 179-423), da sie einen wichtigen Beitrag zu aktuellen Forschungstendenzen liefern. So haben Antisemitismusforschung und deutsch- jüdische Geschichte in den letzten Jahren immer deutlicher herausgearbeitet, dass positive wie negative Haltungen gegenüber Juden auch im Zeitalter der Säkularisierung ganz entscheidend durch konfessionelle Milieus bestimmt wurden.
Im Verein zur Abwehr des Antisemitismus (VAA) fanden 1890/91 christliche und jüdische Honoratioren zusammen, um dem Antisemitismus mit Aufklärungskampagnen zu begegnen. Zu diesem Zweck trug man in den wöchentlich erscheinenden „Mitteilungen“ und dem Handbuch „Antisemiten- Spiegel“ (1891-92, 1900, 1911) Material zur Diskreditierung antisemitischer Agitatoren und zur Widerlegung judenfeindlicher Vorurteile zusammen. Außerdem erließ der VAA Wahlaufrufe gegen antisemitische Parteien und unterstützte parlamentarische Initiativen gegen die Diskriminierung von Juden in Staatsdienst und Militär. Mit Ausnahme einzelner Aktivitäten in der Provinz, die sich z. B. gegen die Böckel- Bewegung in Hessen und Ritualmordgerüchte im Rheinland richteten, blieb der Abwehrverein in den Bahnen der Honoratiorenpolitik.
Sein Ziel war nicht die direkte Konfrontation mit den Antisemiten, sondern die indirekte Beeinflussung der Öffentlichkeit über die Presse, die Parlamente und die wissenschaftliche Autorität von Fachgelehrten. Gesellschaftliche Mehrheiten konnte der VAA auf diese Weise nicht organisieren. Seine Mitgliedschaft setzte sich ganz überwiegend aus Bildungs- und Besitzbürgertum, protestantischen Geistlichen und Politikern liberaler Parteien zusammen. Dementsprechend waren die im VAA dominanten Werthaltungen, trotz einer hohen Zahl engagierter jüdischer Mitglieder, durch und durch kulturprotestantisch geprägt. Der Abwehrverein lehnte Philosemitismus, Zionismus und anfänglich jede Form jüdischer Selbstorganisation als illegitimen Partikularismus ab. Es sollte nur um die Rechte der Juden als Staatsbürger und ihre ungehinderte Assimilation gehen, nicht hingegen um die Identität der Juden als ethnisch- religiöse Gemeinschaft.
Diese Haltung manövrierte den Verein in ein unlösbares Dilemma. Während die Antisemiten den VAA dennoch als „Judenschutztruppe“ diffamierten, empfanden ihn die Juden nicht als Vertreter ihrer Interessen und schufen sich mit dem Centralverein (C.V.) bereits 1893 eine eigene Abwehrorganisation.
Daher ist Zeiß- Horbach im Recht, wenn sie das letztendliche Scheitern des VAA nicht ausschließlich an äußeren Umständen wie dem Aufstieg des Nationalsozialismus festmacht, sondern auf drei „hausgemachte“ Schwächen hinweist:
Erstens verblieb der Verein von seiner Gründung bis zu seiner Selbstauflösung im Juli 1933 in den Bahnen der Honoratiorenpolitik des 19. Jahrhunderts. Man wollte nicht politisch mobilisieren, sondern objektive Aufklärungsarbeit leisten und setzte allein auf die Autorität von Bildung, Wissenschaft und Moral. Angesichts der zunehmenden Bedeutung massenmedialer und massendemokratischer Strukturen im politischen Feld, konnte die Tätigkeit des Vereins daher nur einen sehr begrenzten Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung ausüben.
Zweitens rekrutierte der VAA seine Mitglieder fast ausschließlich aus dem linksliberalen, kulturprotestantischen Bürgertum. Obwohl in der Weimarer Republik vereinzelt Katholiken und Sozialdemokraten beitraten, konnte er seine soziale, konfessionelle und politische Basis nicht entscheidend erweitern. Zwar befanden sich unter den selbsternannten Verteidigern der jüdischen Minderheit durchaus prominente Geistesgrößen (z. B. Theodor Mommsen, Heinrich Rickert, Theodor Bardt, Gustav Freytag, Otto Baumgarten), sie gehörten sozialgeschichtlich betrachtet allerdings selbst einem Minderheitsmilieu an. Zusätzlich erschwerte der Niedergang des politischen Liberalismus seit dem „Gründerkrach“ die Lage, worauf die Autorin leider nicht eingeht.
Drittens waren sich die Mitglieder und Anhänger des VAA zwar in der Abwehr des Antisemitismus einig, taten sich aber schwer damit, dem Judentum eine eigenständige Rolle in der deutschen Gesellschaft zuzubilligen. Dies macht Zeiß- Horbach an den Haltungen von Pfarrern und Theologen deutlich, die in der Weimarer Republik zum wichtigsten Träger der Arbeit des VAA geworden waren. Die Maßstäbe ihres Denkens und Handelns in der „Judenfrage“ entnahmen sie aus kulturprotestantischen Wertvorstellungen. So ging es ihnen um die Bewahrung der deutschen Nation vor der Kulturschande des Antisemitismus, die ungestörte Assimilation der Juden an die protestantische „Leitkultur“, die ethische Notwendigkeit des Minderheitenschutzes durch das Gebot der Nächsten- und Feindesliebe, die heilsgeschichtliche Bedeutung der Juden für das Christentum oder die Verteidigung des Alten Testaments gegen die völkische Theologie. Selbst wenn diese Werthaltungen im Ergebnis zur Verteidigung der Juden gegen antisemitische Angriffe führten, offenbaren sie eine vorurteilsbehaftete und theologisch verzerrte Wahrnehmung der ethnisch- religiösen Realexistenz des deutschen Judentums.
Die mangelnde Fähigkeit des VAA, kulturellen und religiösen Pluralismus zu akzeptieren, führt Zeiß- Horbach auf die „kulturelle Hegemonie“ des Nationalismus zurück, der traditionell eng mit dem Protestantismus verbunden war. Diese These kann nicht überzeugen, weil sie den Inhaltswandel des deutschen Nationalismus zwischen Reichgründung und Machtergreifung nicht berücksichtigt. Insgesamt liefert die Autorin aber eine ausgewogene Würdigung der Vereinstätigkeit und vermeidet eine einseitige Kritik des Kulturprotestantismus wie sie bei Ismar Schorsch, Wolfgang Altgeld und Uffa Jensen zu finden ist.
Sie schließt sich eher Kurt Nowak und Wolfgang Heinrichs an, die im Kulturprotestantismus eine Vielfalt positiver und negativer Judenbilder ausgemacht haben. Dies führte bei Einzelnen immerhin zur Bereitschaft, sich für die staatsbürgerlichen Rechte der Juden stark zu machen, während sich Katholiken und konservative Protestanten für antisemitisches Gedankengut höchst anfällig zeigten.
Der differenzierte Blick auf die Geschichte des Abwehrvereins unter besonderer Berücksichtigung der kulturprotestantischen Perspektive auf das Judentum enthält auch eine implizite Botschaft für die Gegenwart. Zeiß- Horbach spricht sie allerdings nicht offen aus, möglicherweise weil sie für das Judentumsverständnis der Kirchen recht heikel ist.
Die Ächtung des Antisemitismus aus ethischen und religiösen Motiven führt nicht automatisch zu einem besseren Verständnis zwischen Christen und Juden. Dazu wäre es wichtig, von christlicher Seite das Judentum nicht länger als theologische Projektionsfläche zu verwenden, sondern es in seinem Eigenrecht als Weltreligion anzuerkennen. Nur so kann aus dem viel beschworenen christlich- jüdischen Dialog mehr werden als ein christlicher Monolog über die Juden.
T. Gräfe
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