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    Toussaint, Jean-Philippe:
    Sich lieben

    Frankfurter Verlagsanstalt, 2003, 1. Aufl., 3-627-00107-9, geb.,
    153 S., € 19,80. inkl. gesetzl. MwSt.

    Um es vorwegzunehmen: Jean-Philippe Toussaint hat einen brillanten Roman geschrieben, vermutlich seinen besten. Auch wenn man „Sich lieben“ nicht unbedingt mit Romanen wie „Fernsehen“, „Der Photoapparat“ oder „Das Badezimmer“ vergleichen kann.
    Toussaint erzählt die Geschichte einer Trennung: Ein Paar reist von Paris nach Tokio. Sie ist eine gefeierte, avantgardistische Designerin, die eine Werkschau vorbereiten möchte und von einem ganzen Hofstaat begleitet wird. Er einer von Toussaints grüblerischen männlichen Hauptfiguren, die ihr Sicherheitsbedürfnis durch das permanente Mitführen eines Fläschchens Salzsäure befriedigt und überlegt, wie dieses wohl einzusetzen sei. Eine Konstellation also, wie sie aus anderen Roman Toussaints bekannt ist: Die dynamische, erfolgreiche Frau und der grüblerische, das übliche Lebenstempo verweigernde Mann, reiben sich aneinander, bis es schließlich zur Katastrophe kommt und der Mann ausweicht, flieht. Im „Badezimmer“ verzieht sich der „Held“ zunächst zum philosophieren in die Badewanne, später, nachdem das Dartspiel zu seiner Obsession geworden ist und er seiner Freundin einen Dartpfeil an den Kopf geworfen hat, flieht er nach Italien. Diesmal verzieht er sich zunächst ins mitternächtliche Hotelschwimmbad und später, nach der für ihn endgültigen Trennung, zu einem Freund in eine andere japanische Stadt.
    Das Paar reist also nach Tokio und er unterstellt ihr, Marie, dass sie ihn ganz absichtlich auf diese Reise mitgenommen habe, um ihrer Beziehung zueinander den letzten Rest an Substanz zu nehmen. Dass sie ihn ganz bewusst mitgenommen habe, weil sie in Japan ein Star und er ein Nichts, „ohne Status“, sei. Dass sie ihre Beziehung zueinander, die nur noch durch die Schaffung von Distanz überleben könne, durch allzu große Nähe zerstören wolle. Wie diese Beziehung begonnen hat, warum sie in der Krise ist, was die Partnerin des Helden denkt – entspricht es den Tatsachen, dass die Beziehung am Ende ist, oder verstrickt sich der Icherzähler nur in seine Wahnvorstellungen – erfahren wir nicht. Der Roman spielt in der gnadenlosen Gegenwart eines Zimmers in einem riesigen japanischen Nobelhotel. Das Paar trifft ein. Übernächtigt. Gereizt. Zerstritten. Trotzdem haben sie schließlich Sex zusammen, doch ihr Liebesakt, der allerdings der Icherzähler als Akt paralleler Selbstbefriedigung empfindet, wird durch eine Nichtigkeit unterbrochen. Innere Mißstimmungen und von außen herangetragene Mißlichkeiten verflechten sich miteinander. Eine der wenigen ironisch-distanzierten Szenen in diesem Roman übrigens. Toussaint ist zwar ein genauer Beobachter geblieben, aber er beobachtet nicht mehr nur aus der ironischen Distanz, sein Ton hat sich verändert. Nicht jedoch sein beiläufiger, parenthetischer Stil, mit dem er jeden Anflug direkter Rede vermeiden und intellektuelles wie sinnliches Vergnügen gleichermaßen erzeugen kann.
    Trotzdem besteht noch Hoffnung, Marie und der Icherzähler begeben sich, schon im Morgengrauen, auf einen Spaziergang durch das Stadtviertel, sie essen gemeinsam. Wollen oder können sie nicht voneinander lassen? Wie am Ende des dritten Aktes einer klassischen Tragödie erscheint plötzlich ein versöhnliches Ende möglich. Doch dort wo der Leser auf Rettung hofft, bemerkt der Icherzähler lakonisch, in diesem Augenblick sei ihm nun endgültig klar geworden, dass die Beziehung auf dieser Reise enden werde. Und Toussaint erzählt minutiös beobachtend weiter, wie sich das Paar mehr und mehr verstrickt und unaufhaltsam auf die Katastrophe – und ein überraschendes Ende zusteuert, das der doppelbödige französische Titel des Buches – Faire l’amour – schon anzudeuten scheint...

    Martin Löhnig

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