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    Calvino, Italo:
    Ein General in der Bibliothek

    Hanser, 2004, 1. Aufl., 3-446-20452-0, geb.,
    294 S., € 21,50. inkl. gesetzl. MwSt.

    Eines Tages übernimmt das Militär der ruhmreichen Nation von Pandurien die größte Bibliothek des Landes, um alle Bücher nach verdächtigen Äußerungen zu kontrollieren und in Gefahrenstufen einzuordnen. Die Offiziere und schließlich auch die gemeinen Soldaten vertiefen sich jedoch derart in ihre Aufgabe, dass sich das Oberkommando von dem ausufernden Eifer beunruhigt zeigt. Nach dem konfusen Rapport werden die verantwortlichen Militärs pensioniert. Später sieht man sie zivil gekleidet häufig in die alte Bibliothek schleichen.

    Dem Leser von Italo Calvinos Erzählungen geht es wie den pandurischen Offizieren, immer wieder greift er nach der ersten Lektüre zu dem neuen Erzählband des italienischen Schriftstellers. Gleich in der zweiseitigen Anfangsgeschichte lernt man einen Mann kennen, der vor einem mehrstöckigen Mietshaus nach einer gewissen Teresa ruft. Im Nu ist die Straße voller Menschen, die den Rufer lautstark unterstützen. Doch es stellt sich heraus, dass hier gar keine Teresa wohnt. Eine absurde Situation? Nein, das Rufen verbindet die Menschen trotz der Nichtexistenz der Angerufenen.

    Wie Calvino seine Figuren und die Situationen beschreibt, ist außergewöhnlich! Mit jeder Zeile eröffnet er neue Betrachtungsweisen. Seine Geschichten sind ein Füllhorn von skurrilen Einfällen und meist ein raffiniertes literarisches Verwirrspiel. Da erkundigt sich der Anführer eines Regimentes, das an einer Militärparade teilnehmen soll und sich in der Stadt verirrt hat, bei einem Passanten nach dem kürzesten Weg zum Hauptplatz. Der leitet den ganzen Trupp jedoch quer durch das Häusergewirr, über Hinterhöfe, Treppenstiegen, Dachböden und Balkone.
    Überhaupt sind das Militär und die Mächtigen dieser Welt häufig Zielscheibe dieser Kürzestgeschichten. Die beiden fiktiven Interviews mit dem legendären Azteken-König Montezuma und dem amerikanischen Automobilhersteller Henry Ford z.B. sind eine herrliche (mitunter auch philosophische) Karikatur auf die Unnatur und Unmenschlichkeit von Gewaltherrschaft und Kapitalismus.

    Die versammelten Texte in „Ein General in der Bibliothek“ umfassen eine Zeitspanne von vierzig Jahren im Schaffen von Italo Calvino. Es sind Fabeln und Erzählungen aus den Jahren 1943 bis 1958, die zum Teil bisher nur in Zeitschriften oder Tageszeitungen publiziert waren, dazu Erzählungen und Dialoge aus den Jahren 1968 bis 1984.
    Die Auswahl reicht von den ersten Prosaversuchen bis zu einer bissigen Satire über das Fernsehen, die kurz vor seinem Tod entstand. Im Hanser Verlag erschienen bisher eine Vielzahl der Romane, Erzählungen, Skizzen und Essays aus dem umfangreichen Werk Calvinos. Mit der Herausgabe dieser neuen Kurzprosa erhält der Leser einen weiteren Einblick in die poetische Schatztruhe des Geschichtenerzählers, der mit seinen witzigen und tiefsinnigen Erzählungen und Fabeln den Alltag unter die Lupe nimmt.
    Italo Calvino beweist auch hier, als scharfsinniger Beobachter, seine große Meisterschaft in der kleinen literarischen Form. Das kurze Nachwort von Esther Calvino, der Witwe des Autors, verrät einige Details über die Entstehungsgeschichte der veröffentlichten Texte. Das Buch ist ein Muss für jeden Calvino-Freund, aber auch ein wunderbarer Anlass für den Einstieg in die Fantasiewelt des großartigen Fabulierers Italo Calvino.

    Manfred Orlick

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