Rezensionen
- Wissenschaftliche Literatur
Rezensionsdienst
|
|
Broeckhoven, Diane: Ein Tag mit Herrn Jules
C.H. Beck, 2005, 1. Aufl., 3-406-52975-5, Ln.,
92 S., € 12,90. inkl. gesetzl. MwSt.
„Ein Tag mit Herrn Jules“ von Diane Broeckhoven, die nach 30 Jahren in den Niederlanden wieder in ihrer Heimatstadt Antwerpen wohnt, ist ein ungewöhnliches Buch, ein schmales Buch von nicht einmal hundert Seiten, ein stilles und zärtliches Buch.
Als Alice an einem Wintermorgen im Morgenmantel das Wohnzimmer betritt, sitzt ihr Ehemann Jules, der sich sonst immer um das Frühstück kümmert, gegen alle Gewohnheit auf der Couch und starrt durch das Fenster. Sie spricht mit ihm, doch Jules antwortet nicht. Sie setzt sich neben ihn, doch er reagiert nicht. Sie schüttelt ihn, bekommt aber keine Bewegung in den starren Körper. Jules ist tot. Erst allmählich begreift Alice, dass sie jetzt Hinterbliebene ist, doch sie gerät keinesfalls in Panik.
Normalerweise wird kurz nach dem Ableben eines Angehörigen eine Maschinerie vom Arzt bis zum Bestattungsunternehmer in Gang gesetzt, doch Alice hält Totenwache und nimmt Abschied. Sie versucht das Unabwendbare zu realisieren. Wie soll sie nun ohne Jules durch den Tag kommen? Wie ohne ihn leben? Vorerst fasst sie den Entschluss, dass niemand vom Tod ihres Mannes erfahren darf, sie will mit ihm gemeinsam den letzten Tag verbringen.
Pünktlich um zehn Uhr kommt David. Der autistische Nachbarjunge will wie jeden Tag mit Herrn Jules die übliche Partie Schach spielen. Also muss Alice notgedrungen einspringen, obwohl sie kaum einen Turm von einem Bauern unterscheiden kann. Zudem bittet Davids Mutter sie noch, den Jungen über Nacht zu behalten, da ihre Mutter schwer gestürzt ist und im Krankenhaus operiert wird. Jules sitzt wie aus Wachs modelliert auf dem Sofa, währenddessen bereitet Alice das Essen, ehe sie sich mit einer Illustrierten zu ihm setzt.
Alice lässt noch einmal ihr gemeinsames Leben Revue passieren, ihre Gedanken schweifen zurück zu den Geheimnissen der Vergangenheit. Seit Jahrzehnten lebte das Rentnerehepaar in der kleinen Wohnung im sechsten Stock eines Neubaus. Sie schätzten den geregelten Alltag, wo alles seinen Platz und seine Zeit hatte. Es war ein Leben in dem Jules, der ehemalige Bankangestellte, den Ton angab, ein Leben voller Höhen und Tiefen, aber auch voller Liebe, die selbst einen Seitensprung aushielt.
Fern allen Pathos erzählt Diane Broeckhoven von der Eintönigkeit des Alltags eines gemeinsam alt gewordenen Paares und von den eingeschliffenen Ritualen. Nach zwanzig erfolgreichen Jugendbüchern ist es erst ihr zweites Buch für Erwachsene. Auf den wenigen Seiten gelingt es der Autorin, das Innerste der Figuren nach außen zu kehren. „Ein Tag mit Herrn Jules“ ist eine gefühlvolle Liebesgeschichte zwischen zwei alten Menschen, eine poetische Geschichte von starken Gefühlen.
Manfred Orlick
|
Über diese Seite gelangen Sie zu allen rezensierten Titeln.
Suche über den Autor:
Suche nach Titeln:
© : Das Nutzungsrecht der veröffentlichten Texte liegt, wenn nicht anders gekennzeichnet,
bei Stefanie Brink, das der Abbildungen bei den jeweils veröffentlichenden Verlagen.
Ist bei einem Buch der Preis mit 0,00 € angegeben, so bedeutet dies, dass der Titel vergriffen ist.
hier bestellen
|